Anton Wendling - Facettenreiche Formstrenge

19. September 2009 - 21. Februar 2010

Anton Wendling (1891-1965) zählt zu den herausragenden Künstlern der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts. Es gibt nur wenige Glasmaler, deren Werke über mehrere Generationen hinweg auf so faszinierende Weise aktuell und zeitlos wirken.

Als Schüler von Johan Thorn Prikker – der mit seinen aufsehenerregenden expressionistischen Fenstern des Frühwerks und den durch Reduktion, Klarheit und Abstraktion ausgezeichneten Arbeiten des Spätwerks berühmt wurde – hat Anton Wendling die neuen Impulse moderner Glasmalerei aufgegriffen und konsequent weiterentwickelt. Durch sein Werk und seine Lehrtätigkeit wurde er zum inspirierenden Vorbild für die nachfolgende Generation von Glasmalern, die bis heute tätig ist. In der Tat kann man Anton Wendling als zentrale Schlüsselfigur und Vermittler der Moderne bezeichnen.

Die nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende Reformbewegung der sakralen Kunst findet in den Werken Wendlings eine der prägnantesten Umsetzungen traditioneller kirch­licher Inhalte in eine neue, von allem Dekorativen gereinigte, sachliche und klare Bildsprache. Den Ideen der Ars Sacra verbunden, arbeitet Wendling mit den bedeutendsten Kirchenbaumeistern seiner Zeit zusammen, u.a. mit Gottfried Böhm, Otto Bongartz, Clemens Holzmeister und Rudolf Schwarz.

Nachdem sich Anton Wendling zunächst dem Holzschnitt und der Buchkunst verschrieben hatte, markieren die Fenster in der spätgotischen Klosterkirche Marienthal bei Wesel 1926/27 seinen Durchbruch als Glasmaler. In der Folgezeit begründen vor allem seine Figurenfenster seinen Ruf als außergewöhnlichen Glaskünstler. Sie zeichnen sich durch eine starke Tendenz zur Vereinfachung und Geometrisierung aus. Ein kleinteiliger musivischer Bildaufbau beherrscht die Komposition. Oft verharren die monumentalen, in Frontansicht dargestellten Figuren in statuarischer Strenge, wie z.B. in den Glasmalereien der Kathedrale
Unserer Lieben Frau in Luxemburg (1937).

Die wahre Kraft der Glasmalerei liegt nach Wendling jedoch in seinen ungegenständlichen, abstrakt-ornamentalen Darstellungen als höchste Verkörperung des Immateriellen und Spirituellen. Den facettenreichen Umgang mit dem abstrakten Ornament, basierend auf einfachen geometrischen Grundformen, wie Kreis, Rechteck und Dreieck, beherrscht Wendling meisterhaft. Die vier 27 m hohen Fenster für die gotische Chorhalle des Aachener Doms (1951) legen Zeugnis ab von seinem großen Einfühlungs­vermögen in die Architektur und ihre Lichtbezüge. Sie zeigen, dass eine ornamentale Komposition sich nicht durch additive Formwiederholung bis zur atemlosen Langeweile erschöpfen muss, sondern genau gegenteilig wirken kann. Durch eine sensible, auf den Raum abgestimmte – scheinbar unendlich variierende – Farbmodulation wirkt das Fenster dynamisch und beseelt. Die Reduktion der Form geht einher mit der Reduktion der Farbe. Wie in Aachen, offenbaren zahlreiche Fensterkompositionen Wendlings Vorliebe für flammendes Rot und mystisches Blau sowie für Grauwerte von Weiß bis Schwarz. Aufträge weiterer Bistümer für ihre Dome folgen, u.a. Minden (1957), Mainz (1960) und Xanten (1962).

Über Deutschlands Grenzen hinaus realisiert Wendling in den 1950-60er Jahren verschiedene Aufträge. Für die glasverarbeitende T. C. Esser Company, Stained Glass Studios in Milwaukee/Wisconsin entwirft er in mehrmonatigen Arbeitsaufenthalten Glasmalereien für verschiedene Kirchen in den USA. In diese Zeit fällt auch seine Fenstergestaltung für die Friedenskirche in Hiroshima. Weitere Planungen, u.a. für die Märtyrerkirche und das Museums in Nagasaki, fanden mit dem Tod Wendlings am 13. Januar 1965 ein Ende.

Das Deutsche Glasmalerei-Museum Linnich stellt mit dieser Ausstellung und dem begleitenden Katalog Glasfenster, Mosaiken, Entwürfe und Grafik von Anton Wendling in den Mittelpunkt der Betrachtung. Aus dem breitgefächerten Tätigkeitsfeld des Künstlers wird vereinzelt auf Entwürfe für Bucheinbände, Exlibris, Signets, Urkunden, Werbegrafik, Schmuck, Möbel, Paramente, Messgewänder, Messkelche, Leuchter, Teppiche und Fahnen hingewiesen.

Die Ausstellung wurde realisiert in Zusammenarbeit mit dem Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen, dem Archiv des Erzbistums Köln, dem Stadtarchiv Mönchengladbach, der Glasmalereiwerkstatt Hein Derix in Kevelaer, der Glasmalereiwerkstatt Wilhelm Derix in Düsseldorf, der Glasmalereiwerkstatt Dr. Heinrich Oidtmann in Linnich, der Stiftung Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e.V. in Mönchengladbach, der Kolpingfamilie Mönchengladbach sowie mit zahlreichen privaten Leihgebern.

Plakat der Ausstellung

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