Neue Interpretationsebene geschaffenFebruar 2018

1970 erhielt der Glasmaler Hans Lünenborg (1904-1990) den Auftrag einige der historischen Renaissance-Glasmalereien in St. Peter in Köln zu ergänzen, die durch den 2. Weltkrieg teilweise zerstört wurden
Das Glasbild des Monats Februar ist eine Musterscheibe, die Lünenborg als Teilstück für die Ergänzung großer Leerflächen um die Figur des hl. Apostel Paulus entworfen hatte. Es handelt sich um die drei unteren linken Felder des dreiflügeligen Fensters. Im oberen Bereich sind Ornamente zu erkennen, die wie Flammenzungen vom Himmel fallen. Dabei sind die Ornamente selbst farblos, nur mit einer dünnen Linie umrandet. Der Flammeneffekt wird durch mehrere zitronengelbe Mäanderbänder erzeugt, die transparent über die Ornamente verlaufen. Der untere Bereich wird gebildet aus einem wilden Durcheinander von riesenhaftem Meeresgetier, Insekten und Unrat. Zwischen Flammenhimmel und Meer treibt ein kleines Boot ohne Besatzung. Dahinter bauen sich gefährlich hoch wogende Wellen auf.
Insekten und Meerestiere werden hier mit Schmutz, Gestank, Fäulnis und Tod assoziiert. Die Szenerie wirkt bedrohlich, endzeitlich, höllenartig. Der weiße Fisch streckt den Kopf mit aufgerissenem Maul nach oben und schnappt nach Luft. Ist es sein skelettierter Unterkörper der am unteren Bildrand erscheint? Halb bedeckt ihn ein großes Fluginsekt mit spitzem Rüssel. Darunter erscheint ein grünes Schwanzende, vielleicht eine Schlange oder ein Wurm? Am rechten Bildrand ist ein architektonischer Aufbau zu erkennen. Knochenartige ockerfarbene Gebilde, die wie knorrige Bäume wirken, sprießen von der hellen Bodenfläche nach oben. Mit dieser Architektur führt Lünenborg ein Motiv der historischen Renaissancescheibe weiter: Hier steht der bärtige Apostel mit einem langen Schwert in der Hand unter einem baldachinartigen Aufbau, der von Säulen getragen wird. Die „Kochenbäume“ stehen parallel zu den beiden Säulen des Renaissancefensters und führen deren Architektur weiter.
Durch die Neugestaltung der Leerflächen um den hl. Paulus erhält die gesamte Darstellung eine neue Interpretationsebene. Der Apostel wird von Lünenborg in seiner Rolle als unermüdlicher Missionar charakterisiert. Er verbreitet die Lehren von Jesus Christus und schützt so die Menschen vor der umliegend dargestellten Hölle. Das Schwert in seiner Hand zeichnet ihn in diesem Zusammenhang als Kämpfer für das Gute aus. Der Boden der Baldachinarchitektur erscheint wie eine schwimmende Plattform; ein rettendes Boot der Erlösung. Der weiße Fisch in der Linnicher Scheibe bekommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung: Er steht in der christlichen Symbolik für Christus. Das griechische Wort für Fisch ἰχθύς (ichthýs) enthält ein kurzgefasstes Glaubensbekenntnis (Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser) und war ein Erkennungs- und Geheimzeichen für die Urchristen.