Ein großes Werk voller SymbolikOktober 2017

Das sogenannte Annenfenster ist mit seinem Format von ca. 350 x 230 cm eines der größten Glasbilder im Deutschen Glasmalerei-Museum. Es handelt sich um eine hochwertige Kopie von Fritz Geiges aus dem Jahr 1908. Das Originalfenster ist im Alexanderchörlein im Nordchor des Freiburger Münsters verbaut. Der Originalentwurf stammt von dem bedeutenden Augsburger Maler Hans Holbein d. Ä. um 1515. Fritz Geiges stammte aus Freiburg und war dort als Künstler und Restaurator tätig. Als er 1908 dazu beauftragt wurde, zahlreiche Fenster im Freiburger Münster zu restaurieren, nahm er die Gelegenheit wahr und kopierte das monumentale Annenfenster.

Das vierteilige Lanzettfenster ist in zwei Zonen aufgeteilt: Im unteren Bildbereich sitzen vier Frauen und einige Kinder vor einer maßwerkverzierten Mauer. In der oberen Bildhälfte stehen vier männliche Figuren hinter der begrenzenden Mauer. Über ihren Köpfen schweben verschlungene Spruchbänder, auf denen Auszüge aus Bibelstellen geschrieben stehen. Baldachinartige Verzierungen, die von kostbaren Gefäßen bekrönt werden, schließen das Fenster nach oben hin ab. Geiges verwendete farbloses Glas als Bildträger. Zur Bemalung wurde Grau-Braunlot, Silbergelb, Eisenrot und Kupfergrün in feinen Abstufungen genutzt. Diese Art der Bemalung verleiht dem Annenfenster den Charakter einer Grisaille (Graumalerei), der die Modellierung der einzelnen Figuren gut zur Geltung bringt und sie wie Skulpturen wirken lässt.

Im Zentrum der vier Frauen sitzen leicht erhöht die Hl. Maria mit dem Jesuskind und ihre Mutter, die Hl. Anna, die ihrem Enkel einen goldenen Apfel reicht. Diese Gruppe der drei Generationen wird in der Kunstgeschichte „Anna Selbdritt“ genannt. Flankiert wird sie rechts von Maria Cleophas und links von Maria Salomas. Sie sind die Halbschwestern der Muttergottes. Nach der Legenda aurea heiratete die Hl. Anna nach dem Tod ihres ersten Mannes Joachim zunächst Cleophas und nach dessen Tod Salomas. Die Kinder im Vordergrund der Halbschwestern sind deren Söhne, die wiederum später zu den Jüngern Jesu gehören und teilweise auch Apostel werden.
Der goldene Apfel in der Hand der Hl. Anna ist ein Symbol für die Überwindung der Erbsünde. Jesus wird hier als neuer Adam gefeiert, der durch seinen Tod am Kreuz den Seelen der Menschen die Möglichkeit gibt, am Jüngsten Tag ins Paradies zurückzukehren. Vor der Hl. Anna ist auf dem Boden ein aufgeschlagenes Buch zugeordnet, das eine Abbildung eines T-Kreuzes mit einer Schlange zeigt. Es handelt sich um die eherne Schlange, die Moses in der Wüste auf Anweisung Gottes herstellte, um Schlangenbisse zu heilen. Sie steht stellvertretend für die Bewahrung der Menschen vor dem Tod durch das Opfer Christi.
Zu Füßen der Hl. Maria liegen ein Granatapfel und ein Rosenzweig. Der Granatapfel ist ein Sinnbild für die Kirche und die Gemeinschaft der Gläubigen. Maria wird hier als Mutter der Kirche beschrieben. Die römisch-katholische Kirche beruft sich auf ihre Gründung durch Jesus Christus selbst, insbesondere auf das sogenannte „Felsenwort“ an den Apostel Petrus. Dieser Zusammenhang wird durch die späteren Jünger und Apostel als Kinder bekräftigt, da sie nach der Himmelfahrt Christi seine Lehren weiterverbreiteten. Der Rosenzweig bezieht sich auf die Abstammung Jesu: Nach dem Hohelied ist Maria die Rose, die aus der Wurzel Jesse erblüht. Die Wurzel Jesse ist ein bekanntes christliches Motiv, das die Ahnen Jesu bis zu König Davids Vater Jesse zurückführt.
Bei den Männern im Hintergrund handelt sich um die drei Ehemänner der Hl. Anna sowie Josef, den Gatten der Hl. Maria (von links nach rechts Salomas, Joachim, Josef und Cleophas). Die Spruchbänder zitieren Textstellen aus Jesaja 11, Vers 1; Psalm 44, Vers 7 und Psalm 122, Vers 5, die sich passend zu den Symbolen der Frauen mit der Herkunft Jesu und Gottes ewiger Richterlichkeit beschäftigen.
Übergeordnetes Thema des Annenfensters ist die Gruppe der „Heiligen Sippe“. Es zeigt die nähere Verwandtschaft Jesu, seine engere Familie. Im deutschsprachigen Raum des späten Mittelalters wurde die Hl. Anna als Patronin der Familie und Ehe immer mehr verehrt. Der generationsübergreifende Zusammenhalt und die Frömmigkeit der Heiligen Sippe war Vorbild für die Gläubigen dieser Epoche. Die Hl. Anna ist daneben auch Patronin vieler Berufe, darunter auch der Bergleute. Die Sockelinschrift des Annenfensters benennt die Bergleute der Annengrube in Todtnau als Stifter.
Versteckt in den Symbolen eröffnet sich noch eine weitere Deutungsebene, die sich um das zentrale christliche Thema der Erlösung dreht.