Jochem Poensgen, Vision, 1980 (Foto: Dorstener Kunstverein e.V.

Vor Thorn Prikker verbeugtJuli 2017

Jochem Poensgen beschäftigte sich in der Frühzeit seines künstlerischen Werks auch mit Radierungen alter Meister, wie Albrecht Dürer sowie mit dem Siebdruckverfahren. Beide Techniken flossen in den 1970er Jahren in seine Glasmalereien mit ein. Er verwendete bei seinen freien Arbeiten dieser Zeit verstärkt Motive aus der abendländischen Bildtradition in Siebdrucktechnik auf Glas und setzte sie fragmentarisch, wie bei einer Collage zu neuen Bildwerken zusammen. Diese Arbeiten sind von Ideen der Postmoderne beeinflusst. Während man in der Epoche der Moderne versucht hat, die Tradition zu überwinden, betrachtet die Postmoderne die Tradition als Fundus von gestalterischen Möglichkeiten. Stilelemente der Vergangenheit können und sollen zitiert werden.
Das Glasbild des Monats mit dem Titel „Vision“ aus dem Jahr 1980 von Jochem Poensgen ist ein gutes Beispiel für dieses Konzept. In der Mitte des Glasbildes verläuft ein vertikaler Balken, der sich am unteren Bildrand mit einem weiteren horizontalen Balken durch eine Art Verflechtung verbindet. Die Umrisslinien bestehen aus Bleiruten und Schwarzlot, die diesen Bildteil optisch von seiner Umgebung separiert. Abstrakt und geometrisch ist auch die Binnengestaltung, deren Farbgebung sich auf dunkle und gedämpfte Töne von Ocker, Oliv und Rot beschränkt. Nur in wenigen Bereichen gibt es helle Akzente, die immer vertikal ausgerichtet sind. Dieser Teil der Komposition geht zurück auf den Entwurf „Geometrisches Kreuzfenster“ des Glaskünstlers Johan Thorn Prikker aus dem Jahr 1931. Flankiert wird der mittlere abstrakte Balken nun von jeweils einem vertikalen hellen Bildteil, der wiederum durch Bleiruten in acht horizontale Felder eingeteilt ist. Auf jeder Seite ist je ein Skelett zu erkennen, das auf den Ästen eines Baumes klettert. Die Skelette weisen ohne Umweg auf die Vergänglichkeit des Menschen hin. Sie stammen aus der Radierung „La Comédie de la Mort“ von Rodolphe Bresdin von 1854.
Die abstrakte Komposition wirkt wie eine Art Altaraufbau, in dessen Zentrum das Kreuz schwebt. Die Querbalken und die Basis des Kreuzes sind rot gefärbt, ein Symbol für das Blut Christi bei seinem Kreuztod. Hell erstrahlt darüber der vertikale Balken des Kreuzes, der auf das Leben nach dem Tode in den Himmel weist. Der Hintergrund des Siebdrucks mit den Skeletten begleitet den Lichtstrahl des Kreuzes als helles Element der Komposition und symbolisiert so ebenfalls das Jenseits. Der Tod ist nur eine Transformation des Menschen, dessen Leib zwar vergeht, aber die rechtschaffene Seele ins Paradies führt.
Johan Thorn Prikker, der als wesentlicher Wegbereiter der Modernen Glasmalerei gilt, wird in der Bleiverglasung „Vision“ in besonderer Form zitiert. Poensgen wählte ein Werk aus Thorn Prikkers Oeuvre, das stellvertretend für den Durchbruch der völligen Abstraktion von Thorn Prikker ab den 1920er Jahren steht. Nun ist Thorn Prikkers einstige Überwindung der Tradition selbst zu einer Quelle der Erinnerung geworden.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.