Von Licht durchdrungenDezember 2016

Johan Thorn Prikkers Chor- und Querhausfenster für die Dreikönigenkirche in Neuss gelten als die Hauptwerke der Glaskunst des Expressionismus. Zur Zeit ihrer Entstehung zwischen 1909 und 1911 waren sie jedoch umstritten. Während der zuständige Pfarr-Rektor Joseph Geller ThornPrikker den Auftrag erteilte und ihm künstlerische Freiheit ließ, war die Institution der Kirche mit dem neumodischen Stil der Fenster nicht einverstanden. Der kunstinteressierte Pfarr-Rektor hatte das Nachsehen und wurde 1913 strafversetzt, da er ohne Kirchenbeschluss die Anfertigung der Fenster veranlasst hatte. Letztere wurden ausgebaut und eingelagert. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie im Jahre 1919 wieder in der Dreikönigenkirche eingebaut.
Das Glasbild aus diesem Monat stammt aus einem der Chorfenster, das die Kindheit Jesu zeigt. Es handelt sich um die Geburt Jesu. Im Deutschen Glasmalerei-Museum in Linnich können Sie eine Zweitfassung von 1912 aus nächster Nähe bewundern. Diese Scheibe war der Kunstgeschichte bisher unbekannt und befindet sich freundlicherweise als Dauerleihgabe im Museum.
Die Szene wirkt gedrungen in den starren neugotischen Fensterkreuzen, entfaltet sich jedoch bei genauer Betrachtung: Die Gruppe der heiligen Familie wird umfangen vom Raum des Stalles. Die verschiedenen Brauntöne des Hintergrundes unterstreichen den irdischen und schlichten Charakter der Geburtstätte des Gottessohnes. Josef steht hinter der sitzenden Maria. Beide halten die Hände zum Gebet gefaltet und blicken andächtig das Kind in der Krippe an. Josef, menschlicher Ziehvater Jesu, wird ebenfalls in erdigen und grünen Tönen, ähnlich dem Hintergrund, gezeigt und hebt so seine Zugehörigkeit zum Diesseits hervor.
Ganz anders die Gestalt der Muttergottes und des Jesuskindes. Beide werden von dem Licht des hellen Sterns, der zum Fenster hereinstrahlt, geradezu erleuchtet. Diese drei Elemente sind in der Komposition miteinander verbunden. Das Inkarnat, die Nimben und das blaue Gewand Mariens entwickeln eine ganz eigene Leuchtkraft und Bedeutung: Mutter und Kind sind vom Licht Gottes durchdrungen.
Licht und der Glanz von Gold galten als Mittler zwischen den Menschen und Gott. Thorn Prikker nahm diese spirituelle Qualität in seinen Arbeiten wieder auf und verband sie mit der neuen Mystik und Innerlichkeit, die viele Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts anstrebten.

Verfasst von: Susanne Lang M. A.