„Verästelung“ als KunststilFebruar 2017

Der Glaskünstler Joachim Klos gewann kurz nach seinem Studienabschluss, mit nur 28 Jahren, überraschend den ersten Preis im Wettbewerb um „Das beste Glasbild 1958/59“. Gegenstand war die Fenstergestaltung für die spätgotische Hauptpfarrkirche St. Maria Himmelfahrt in Mönchengladbach. Zwar musste Klos den ersten Platz mit Prof. Georg Meistermann teilen, jedoch war dies gleichzeitig eine Ehrung, denn Meistermann war einer der bedeutendsten Neuerer der deutschen Glasmalerei der Nachkriegzeit.

Die Auszeichnung etablierte seinen individuellen grafischen Stil, dessen formale Ausführungen er selbst „Verästelungen“ nannte. Obwohl Pressekommentare seine Arbeiten „trotz“ ihrer Ungegenständlichkeit als Bereicherung für die zeitgenössische Glaskunst feierten, gab es bei den Auftraggebern der Fenster für St. Maria Himmelfahrt nicht nur positive Resonanz. Ein Beispiel dafür sind zwei Probescheiben die Klos für den Chor der Kirche entworfen hatte (Anm. Eine Probescheibe wird in der Glasmalereiwerkstatt nach den Entwürfen des Künstlers zur Ansicht hergestellt).

Interessanterweise zeigen beide Glasgemälde gegenständliche christliche Motive und wurden trotzdem, letztlich aufgrund der expressiven Farb- und Formgebung der Gesichter, für eine Ausführung in der Kirche abgelehnt. Sie zeigen die Darstellung der Maria Empfängnis und die des Jesuskindes. Es dominieren dunkle, breite Konturlinien und intensive Farbkontraste. Klos verwendete farbiges Echtantikglas und verband die Glasstücke mit Bleistegen. Diese Steglinien übermalte er expressiv mit Schwarzlot und verlieh der Bildkomposition so ihre charakteristischen „Verästelungen“. Die Figur der Maria wird bis zur Hüfte gezeigt, den Kopf ins Profil gedreht. Obwohl die expressive Ausgestaltung von Form und Farbe fraglos neu und ungewohnt auf die Zeitgenossen von Klos gewirkt haben muss, verwendete der Künstler dennoch traditionelle Elemente der Mariendarstellung. In ihrer Hand hält sie einen Strauß, der weiße Blumen enthält - ein Hinweis auf die weiße Lilie, die Reinheit und Unbeflecktheit der Gottesmutter symbolisiert. Die Farbkombination von Blau und Rot ist in der Kunstgeschichte eine bekannte Darstellungsweise für die Kleidung der Gottesmutter. Beide Farben haben mehrere Bedeutungsebenen. Die farbige Gestaltung, die sich nicht mehr nur auf die Kleidung beschränkt, sondern auch das Gesicht vereinnahmt, unterstreicht die königliche Stellung Mariens als Gottesmutter. Besonders das Blau weist auf ihre spätere Rolle als Himmelskönigin hin, nachdem sie zum Himmel aufgefahren ist. Die Farbe rot gilt nicht nur als Königsfarbe, sondern kann hier auch als Hinweis auf die Passion, den Tod und das Blut ihres Sohnes gesehen werden. Im Zentrum ihrer Brust erscheint wie eine Brosche ein Stück Glas in rot. Ein Symbol für ihr Herz, das Schmerzen leiden wird.

Das Jesuskind, schwebt geradezu im Zentrum der zweiten Probescheibe. Spielerisch hebt es seine Hände und scheint zu tänzeln. Gelb erstrahlt sein Nimbus stellvertretend für die traditionelle Farbe Gold. Auch hier kann die Farbgebung symbolisch interpretiert werden. Während die grüne Farbe des Köpfchens Jugend, natürliche Unbeschwertheit und Hoffnung auf den Erlöser der Christenheit ausstrahlen, verweist der rote Oberkörper schon auf das kommende Opfer Christi. Das gelbe Glasstück in der Brust des Kindes scheint ein Widerhall des göttlichen Lichtes zu sein, dass beruhigend im Herzen des Kindes leuchtet.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.