Form und Farbe reduziertMärz 2017

In der aktuellen Sonderausstellung „Affinitè/Wahlverwandt – Hinterglasmalerei und Glasbilder“ erhalten die Besucher Einblicke in das umfangreiche und vielschichtige glasmalerische Oeuvre von Jochem Poensgen. Schnell wird klar, dass sich Künstler und Stil in den Jahrzehnten stetig weiterentwickelten und verschiedene Schaffensphasen völlig unterschiedliche Werke hervorgebracht haben.

Das Glasbild des Monats ist eine Musterscheibe von 2009, die für die Klosterkirche St. Marien und Nikolai in Jerichow (Sachsen-Anhalt) entstanden ist. In vier Jahren wurde die romanische Kirche komplett neu von Jochem Poensgen verglast. Eine monumentale Aufgabe, nicht nur wegen der zahlreichen Fenster (insgesamt 54) sondern auch wegen der Schwierigkeit eine romanische Backsteinkirche mit modernen Fenstern zu kombinieren. Die zuvor eingesetzten Fenster aus der Mitte des 19. Jahrhunderts waren sanierungsbedürftig und sollten außerdem durch Fenster ersetzt werden, die den teils zu grellen Lichteinfall etwas dämpfen sollten.

Die Musterscheibe entspricht dem Rundfenster im südlichen Seitenschiff. Die graue Kreisfläche wird durch ein Raster aus weißen Linien strukturiert auf denen wiederum schwarze und weiße Quadrate liegen. Revolutionär ist die Umwandlung des gängigen Prozesses, die Scheibenstücke mit einer Bleirute miteinander entlang der Schnittflächen zu verbinden. Poensgen verzichtet auf die Bleirute im herkömmlichen Sinne und formt stattdessen kleine Quadrate, die als Halterung für die nun schwebenden Scheibenstücke fungieren. Die so entstandenen „Lichtfugen“, werden dadurch als weiß wahrgenommen und verbinden nur rein optisch die Scheiben miteinander. Hier lohnt es sich wirklich das Original zu betrachten, denn ein Foto kann die unterschiedliche Materialität und die filigrane Konstruktion nicht genügend wiedergeben. Eine äußere Schutzverglasung macht den Fensterzyklus in Jerichow dicht und schützt vor Niederschlag und Wind.

Poensgens Minimalismus drückt sich in der Reduktion von Form und Farbe aus. Formale Ordnungsprinzipien wie das Raster und das Ornament treten in den Vordergrund und werden seriell angeordnet. Leichte Abweichungen in der Färbung des Glases oder der Wechsel zwischen klarem und opakem Glas lösen starre Schemata wieder auf und beleben die Flächen.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.