Ein Meilenstein der KunstgeschichteApril 2017

Im Herbst des vergangenen Jahres erhielt das Deutsche Glasmalerei-Museum eine einzigartige Schenkung, die erstmals der Öffentlichkeit zugänglich ist: den dreiteiligen Kreuzigungszyklus von Johan Thorn Prikker. Diese Arbeit zählt zu den Hauptwerken des Künstlers aus den 1920er Jahren und zu den Inkunabeln der Kunstgeschichte.

Der Essener Architekt Prof. Dr. Georg Metzendorf (1874–1934) hatte den befreundeten Thorn Prikker gebeten, drei Fenster für einen bestehenden Raum seines Wohnhauses zu gestalten. Metzendorf hatte in Bischofswiesen bei Berchtesgaden ein Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert erworben und begann 1919, dieses sogenannte „Mooshäusl“ umzubauen und zu erweitern. Thorn Prikker entwarf den Kreuzigungszyklus mit den Scheiben „Gott, mein Gott“, „Vater, in deine Hände“ und „Es ist vollbracht“. Umgesetzt wurde sein Entwurf 1920 in den Glaswerkstätten von Gottfried Heinersdorff in Berlin.
Bevor der Zyklus an seinen Bestimmungsort in Bischofswiesen gelangte, war er bis Ende des Jahres 1920 auf der Thorn Prikker-Ausstellung in Köln zu sehen. Ende 1921, der Zyklus war weniger als ein Jahr in Bischofswiesen verbaut, entschied Georg Metzendorf, seinen Wohnsitz zukünftig doch wieder nach Essen zu verlegen und das Bauernhaus fortan als Feriendomizil zu nutzen. Zwischen 1924 und 1925 errichtete er ein neues Wohnhaus in der Innenstadt von Essen, das den geliebten Thorn Prikker-Fenstern einen eigens angepassten Raum zur Verfügung stellte. Die drei ursprünglich separaten Fenster wurden zu einem liegenden Querformat angeordnet. Während des 2. Weltkriegs wurde der Zyklus 1943 vorsorglich ausgebaut und eingelagert – eine mehr als gute Entscheidung, da das Wohnhaus nur wenige Tage da-nach bei einem Bombenangriff völlig ausbrannte. Nach dem Tod beider Elternteile veranlasste der Sohn, Dr. Ernst Metzendorf, dass der Zyklus wieder in das Mooshäusl zurückkehrte. Allerdings wurde er an anderer Stelle im Haus eingebaut. In dritter Generation übernahm der in Mainz ansässige Architekt und Stadtplaner Dr.-Ing. Rainer Metzendorf 1979 die Fenster und baute sie in vertikaler Abfolge in das Musikzimmer seines Wohnhauses ein. Die Präsentation im Deutschen Glasmalerei-Museum entspricht hingegen wieder der ursprünglichen Anordnung der Scheiben im Mooshäusl.

Jede Scheibe steht für eines der Worte des sterbenden Jesus, wie sie in den Evangelien festgehalten sind. Einen Hinweis auf die Bibelstellen hat der Künstler in zwei der Scheiben hinterlassen. Das erste Fenster veranschaulicht Jesu Worte nach Matthäus: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Im Zentrum der Komposition erkennt man den sich aufbäumenden Oberkörper des an das Kreuz genagelten Heilands. Die Verzweiflung und die Verlassenheit drücken sich durch die schräge Haltung von Körper und Kreuz aus. Auch das Weglassen des Unterkörpers und die verschränkte Anordnung der Scheibenstücke im Hintergrund vermitteln eine aufgewühlte Atmosphäre. Das mittlere Fenster „Vater, in Deine Hände empfehle ich meinen Geist“ zeigt Jesus wieder erstarkt am Kreuz. Er hat sein Schicksal akzeptiert und gibt sein Leben und seine Seele vertrauensvoll in die Verantwortung seines Gottvaters. Jesu Körper sprengt den Rahmen der Scheibe, den Kopf gen Himmel gestreckt er-trägt er den Schmerz und das Leid. Die letzte Scheibe „Es ist vollbracht“ stellt den toten Gottessohn am Kreuz dar. Der Leib scheint mit dem Kreuz verschmolzen zu sein. Die Binnenzeichnung des Körpers ist auf abstrakte organische Linien reduziert, das Fehlen des Gesichts wirkt unbehaglich. Man spürt geradezu, wie das Leben ausgehaucht wurde.

Der Kreuzigungszyklus von Thorn Prikker ist eines der wenigen erhaltenen modernen Beispiele für die Loslösung des Künstlers von der linear-dekorativen Glasmalerei des Jugendstils und die revolutionäre Entwicklung einer neuen Bildsprache unter Einfluss des Expressionismus.
Durch die Schenkung des Kreuzigungszyklus erhielt das Museum einen bedeuten-den kunsthistorischen Schatz, der die hauseigene Sammlung fortan bereichert. Dar-über hinaus bezeugt die Übergabe der kostbaren Verglasungen, welche drei Generationen in Familienbesitz waren, das Vertrauen in die Arbeit des Museums.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.