Die zweite LeidenschaftMai 2017

In der aktuellen Sonderausstellung „Affinité/Wahlverwandt – Hinterglasmalerei und Glasbilder“ von Jochem Poensgen können die Besucher zu einem großen Teil Arbeiten in der Technik der Hinterglasmalerei betrachten. Was unterscheidet die Hinterglasmalerei von der Glasmalerei? Bei der Hinterglasmalerei wird auf die Rückseite einer transparenten Glasplatte gemalt. Betrachtet wird das Hinterglasbild aber von vorne durch die Glasplatte hindurch. Im Malprozess werden zunächst die Details (im Bild vorne liegend), dann die flächigen Partien (Hintergrund) aufgebracht. Bei der Glasmalerei hingegen werden Stücke von durchgefärbtem Hüttenglas mosaikartig mittels Bleirute aneinandergesetzt. Hier können zusätzlich Konturen mit Schwarzlot oder Schmelzfarben aufgemalt werden, die durch einen finalen Brand mit dem Bildträger verbunden werden. Auch das Zusammenspiel von Objekt und Licht ist völlig unterschiedlich: Die Glasmalerei lebt durch das hindurch fallende Licht und kann daher meist eine Beziehung zur Architektur eingehen, während die Hinterglasmalerei durch das auffallende Licht wahrnehmbar wird. Hinterglasbilder können dadurch wie traditionelle Gemälde an Wänden angebracht werden.
Die besondere Leuchtkraft der Farben und die Brillanz des Glases führte ab dem 15. Jh. in Europas Kunstzentren zur vermehrten Verwendung der Hinterglasmalerei für Schmuck, Reliquiare und Objekte der angewandten Kunst. Seit dem 19. Jh. übernahm die Volkskunst im Schwarzwald und Elsass, in Bayern, Schlesien, Böhmen, Rumänien und den Balkanländern die Hinterglasmalerei und gab ihr eine ganz eigene Ausdrucksform. Bis 2003 verbindet auch Jochem Poensgen die Hinterglasmalerei mit dieser volkstümlichen Gestaltungsweise. Ein Besuch des Gabriele Münter-Hauses und des Schlossmuseums Murnau in Oberbayern eröffneten dem Künstler eine völlig neue Sichtweise auf die Hinterglasmalerei. Expressionistische Maler wie Wassily Kandinsky, Franz Marc, Gabriele Münter und Heinrich Campendonk hatten auch in dieser Technik gearbeitet und lösten in Poensgen den Impuls aus, sich ebenfalls damit zu beschäftigen. 2003 entstand sein erstes Hinterglasbild: Ein Glastablett als Geburtstagsgeschenk für seine Frau, das auch in der Linnicher Ausstellung zu sehen ist.
In den folgenden zehn Jahren nahmen Poensgen mehrere Glasfensteraufträge stark in Anspruch und es blieb keine Zeit für die Hinterglasmalerei. Doch die kurze Phase der Auseinandersetzung mit dieser Technik im Jahre 2003 hinterließ ihre Spuren bei dem Künstler. Mit zunehmendem Alter schätzt Poensgen die Freiheit der Gestaltung, die ihm die architekturgebundene Glasmalerei nicht bietet. So erscheint es auch nicht verwunderlich, dass Jochem Poensgen seit 2013 eine Vielzahl von Hinterglasmalereien geschaffen hat. Eine extrem schöpferische und experimentierfreudige Periode seines Œuvres ist gerade im Entstehungsprozess deren jüngste Ergebnisse (2017) auch in der Ausstellung besichtigt werden können.
Das Glasbild dieses Monats mit dem Titel „Hinterglasbild 42/2015“ beeindruckt durch seine farbige Leuchtkraft in blau und grün. Die drei zentralen schwarzen Balken bilden eine Reminiszenz an die geometrischen Motive früherer Schaffensphasen. Dabei scheint sich der linke Balken langsam aufzulösen und lässt an einigen Stellen transparenter werdend, den Hintergrund hindurchscheinen. Der über den Balken liegende blaue Pinselduktus ist durch seinen unregelmäßigen Umriss einerseits von der Geometrie befreit, spiegelt ihn jedoch in seinem fast regelmäßigen Auftrag und der Richtung und Neigung der Farbstriche wider. Im Hintergrund wirken der Farbauftrag und die Musterung nun frei und organisch: Zum einen erscheinen sie wie die Marmorierung von Steinen in zartrosa, und an manchen Stellen erinnern sie an Abdrücke von Korallen mit filigranen Verästelungen.
Die Hinterglasmalerei bedeutet für Jochem Poensgen keineswegs die Abkehr von der lang praktizierten Glasmalerei. Vielmehr sind es zwei Leidenschaften, die sich gegenseitig beeinflussen.

Verfasst von: Susanne Lang M.A.