Raphael Seitz. Farbrhythmen und Lichträume

11. April 2009 - 16. August 2009

Raphael Seitz ist Glasmaler, aber ebenso gehören Malerei, Zeichnung, Photographie und Lyrik zu seinem künstlerischen Ausdruck. Seit seiner Selbstständigkeit im Jahre 1991 hat der Künstler zahlreiche Aufträge für den sakralen wie öffentlichen Raum realisiert. Zu seinen aktuellen Projekten zählt u. a. die Außengestaltung der Metropolitan Cathedral in Liverpool mit vier monumentalen Glasstelen.

1957 in Heilbronn geboren, studierte Raphael Seitz zunächst von 1979 bis 1988 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart Malerei und Glasgestaltung. Zu seinen Lehrern zählten Rudolf Haegele, Gottfried von Stockhausen und Ludwig Schaffrath. Schwerpunkte seines Studiums der Glasgestaltung waren sowohl die profunde Materialkunde des Glases als auch die raumbezogene Lichtgestaltung. So war denn auch der „Lichtraum“ das Thema seines Meisterschülerprojektes bei Ludwig Schaffrath (1989-90).

Die Magie des farbigen Glases faszinierte Raphael Seitz schon als Schüler anlässlich eines Besuches der Kathedrale von Chartres und führte ihn zu der Überzeugung, dass dem Licht eine verändernde Kraft innewohnt. Das Licht umfängt den Menschen und wirkt dergestalt auf ihn ein, dass sich seine Wahrnehmung verändert. Die Glasmalerei, die sich als spezifische Lichtmischung wie ein Farbakkord in den Raum fortsetzt, ist der dauernden Veränderung durch Tageszeit und Witterung unterworfen. Farbabfolgen und Farbüberlagerungen müssen im Zusammenspiel mit dem Licht genauestens kalkuliert werden. Der Vergleich zur Musik wird vom Künstler selbst formuliert: „Ich mache die Partitur, das Licht wird zum Interpreten der Komposition“.

Die Glasmalereien von Raphael Seitz sind vorwiegend abstrakt, jedoch assoziieren viele seiner Werke gefaltete Textilien, Flügel- und Kreuzformen. In vereinzelten sakralen Arbeiten finden sich auch figürliche Darstellungen, die Szenen aus der Heilsbotschaft in feinnerviger Konturenmalerei abbilden. Zumeist ist die zeichenhafte Malerei auf Glas aber eingebettet in die abstrakte, große Ordnung einzelner Farbflächen aus Glas. Seit 1996 arbeitet Seitz bevorzugt mit der Technik der Verklebung, d.  h. Formen aus mundgeblasenem Echtantikglas werden auf Sicherheitsglas auflaminiert.

Kennzeichen seiner Arbeit ist das Spannungsverhältnis zwischen Fläche und Linie: Großflächige Formen in Echtantikglas werden von schmalen, andersfarbig leuchtenden gläsernen Linien durchschnitten. Diese Lineatur durchbricht sowohl gradlinig als auch kurvig die Farbflächen und
akzentuiert die Dynamik und Lebendigkeit der Form. Die Raffinesse liegt im Detail begründet, z.B. im wechselnden Farbverlauf dieser Energie- oder Kraftlinien, der an die fließenden Farbübergänge eines Regenbogens erinnert. Bei der Farbwahl agiert der Künstler sehr sensibel und erfindet teilweise Farben, die es so auf der gläsernen Farbpalette noch nicht gibt, wie z.B. ein warmstichiges Blau. Die Realisierung des Farbtons erfolgt dann in enger Zusammenarbeit mit dem Farbmischmeister der Glashütte Lamberts in Waldsassen.

Mehransichtigkeit, Offenheit des Kunstwerks – dies trifft auf eine Vielzahl der aus mehreren Glasplatten gebildeten Reliefs und Stelen zu, die einmal mehr das raumplastische Anliegen des Künstlers unter Beweis stellen. Für die Kirche St. Josef in Esslingen entwirft Raphael Seitz 2004 eine Kreuzdarstellung aus mehreren hintereinander gestaffelten Glasplatten, die partiell geätzt und gesandstrahlt wurden. Durch die Überlagerungen ergibt sich ein faszinierendes Spiel mit Öffnung und Verdichtung von Form und Farbe. Das Kreuz liegt im Blick auf die weiße Leere, das Unendliche, Unberührte, das durch die Zersprengung einer blauen Kreisform zustande kommt. Das Strahlen des klaren ungefärbten Lichts durch farbloses Glas verweist auf die christliche Auferstehung. In allen Werken von Raphael Seitz ist das Licht Symbol für die Hoffnung in einer sich vielfältig auffächernden und zersplitternden Welt.

Licht als Energie- und Kraftquelle ist auch ein Thema, das in zahlreichen Aufträgen von Raphael Seitz für den öffentlichen Raum zutage tritt. So entwirft er 2008 für die Stadtwerke Bamberg eine Stele mit dem Titel „Energiebündel“, die aus vier rechtwinklig zueinander stehenden hochformatigen Glasplatten besteht. Beim Blick auf die Stele ergeben sich je nach Tages- und Jahreszeit, Witterung und Standortwechsel immer neue Ansichten, Durchblicke und Spiegelungen. Der Umraum der Plastik wird zum „festen“ Bestandteil des dynamischen Kunstwerks.

Das Deutsche Glasmalerei-Museum Linnich zeigt in der Ausstellung „Raphael Seitz – Farbrhythmen und Lichträume“ anhand von Glasmalereien und -objekten, Gemälden, Zeichnungen und Projektstudien einen Querschnitt durch das facettenreiche Werk des Künstlers. Speziell für die Ausstellung in Linnich hat Raphael Seitz mehrere neue Glasarbeiten angefertigt, u. a. eine Außeninstallation mit dem Titel „Kein Wesen endet im Nichts“, die den Eingangsbereich des Deutschen Glasmalerei-Museums akzentuiert und bereichert.

Plakat der Ausstellung