Die poetischen Visionen Hans Gottfried von Stockhausen

7. Mai 2011 - 28. August 2011

Im Zyklus der Sonderausstellungen, welcher die großen Pioniere und Klassiker der Glasmalerei des 20. Jahrhunderts vorstellt, zeigt das Deutsche Glasmalerei-Museum Linnich mit der Ausstellung Die poetischen Visionen Hans Gottfried von Stockhausens anhand von rund vierzig Glasmalereien, zahlreichen Entwürfen und Entwurfskartons einen Querschnitt durch das reichhaltige Schaffenswerk des süddeutschen Künstlers.

Hans Gottfried von Stockhausen zählt zu den bedeutendsten Glasmalern des 20. Jahrhunderts. Seine Glasmalereien finden sich in den großen Münstern in Deutschland, wie z.B. in Ulm und Konstanz sowie in einer Vielzahl weiterer Sakral- und Profanbauten. Im Ausland realisierte der Künstler u.a. Werke in den USA (Seattle, Washington) und in Großbritannien (Cambridge, Cardiff). Neben seiner Arbeit als Glasmaler leitete er von 1971 bis 1985 den Lehrstuhl für Glasmalerei und Mosaik an der Stuttgarter Kunstakademie.

Der Weg zur Glasmalerei wurde Hans Gottfried von Stockhausen durch seinen Lehrer Rudolf Yelin an der Stuttgarter Kunstakademie gewiesen, der ein Verfechter der modernen Glasmalerei war. Im Gegensatz zur Entwicklung der avantgardistischen Glasmalerei im Rheinland, wo Johan Thorn Prikker mit seinen figürlich-abstrakten Werken einen radikalen Umbruch einleitete, entwickelt sich die süddeutsche Glasmalerei fließend aus der Tradition des 19. Jahrhunderts zu einer gegenstandsbezogenen, modernen Flächenkunst.

Zu den frühen offiziellen Aufträgen Hans Gottfried von Stockhausens zählen die Fenster der evangelischen Stadtkirche in Bad Hersfeld (1952), das Ulmer Münster (1956) und die Fenster für St. Nicolai und St. Reinoldi in Dortmund (1960er Jahre). Zwei Projekte begleiten ihn über vierzig Jahre: 1962 führt er erste Glasmalereien für die Wiesenkirche in Soest und für die Stiftskirche in Wetter/Hessen aus. Die Neuverglasung in Soest (2001-2003) mit 17 Fenstern gehört zu den großen Zyklen im Spätwerk v. Stockhausens ebenso wie die 14 großen Fenster in Wetter (2004-2007).

Seit Beginn der 1960er Jahre tritt neben seiner Arbeit am architekturgebundenen Fenster das autonome Glasbild zunehmend in den Vordergrund. Auch diese kleinformatigen, intimen Arbeiten bleiben stets Flächenkunst und unterliegen nicht der illusionistischen Malerei.

Das freie Glasbild folgt einer anderen Gesetzlichkeit als die architekturgebundene Malerei, wo die Komposition maßgeblich die Auswahl der Gläser bestimmt. Bei den autonomen Glasbildern hingegen tragen die Farbverläufe der mundgeblasenen Überfanggläser entscheidend zur Bildfindung bei. Hierzu von Stockhausen: In der Glasgestaltung wurden von mir neue Wege gesucht. An Stelle der im Kirchenfenster dem Glas aufgetragenen Thematik versuchte ich, das Glas in seiner ureigensten Möglichkeit selbst zum Thema werden zu lassen. Der mehr oder weniger dominanten Flächengestaltung wurde hier das Phänomen der Farbräumlichkeit entgegengesetzt.

Fasziniert vom einzigartigen malerischen Eigenleben der kostbaren Glasscheiben mit ihren Farbverläufen entstehen Ende der 1960er / Anfang der 1970er Jahre eine Reihe von freien, abstrakten Arbeiten mit stark tektonischem Charakter. Der Künstler kontrastiert das variantenreiche Farbspek­trum der Farbverläufe mit einem formal streng reduzierten Bleirutennetz. Von Stockhausen verzichtet dabei ganz auf eigenhändige Malerei, wie z.B. bei der Arbeit "Das Ei" (1969).

Ende der 1980er Jahre rückt der Wunsch mit Malerei Inhalte zu vermitteln wieder verstärkt in den Mittelpunkt seines künstlerischen Strebens. Mit Schwarzlot, Silbergelb und dem Einsatz von Schmelzfarben, sowie der Anwendung mechanischer Verfahren wie Ätzen, Schleifen, Gravieren und Sandstrahlen lotet Hans Gottfried von Stockhausen meisterlich und konsequent alle Möglichkeiten der Glasbearbeitung aus.

Die virtuose Handhabung der bildnerischen Mittel zeichnet auch das Glasbild "Gethsemane" (2003) aus, das durch einen starken Rot/Blau-Akkord bestimmt wird. Das durch Schwarzlotmalerei verdichtete biblische Geschehen ist eingeschrieben in eine große Kreisform. Ein Engel, der über einer von einem überirdischen Licht durchdrungenen Wolke schwebt, spendet dem in der Dunkelheit betenden Gottessohn Licht und Kraft. Spiralförmig angeordnete Bibelzitate überziehen sowohl die Wolke als auch drei aus Blüten- und Blattwerk bestehende Baumkronen.

Hans Gottfried von Stockhausen erweitert die biblischen Themen um das Grundthema der menschlichen Existenz schlechthin, die sich in einer Vielzahl von Mutter/Kind- und Mann/Frau-Beziehungen darstellt. Der Mensch als Teil der Natur, der Lebenskreislauf, das Geheimnis der Schöpfung - angelegt in einem Samenkorn oder Ei -, das Wachstum, das Werden und Vergehen sind weitere bildbestimmende Motive seiner kunstvoll ins Licht gesetzten philosophisch-poetischen Visionen.

Der einzigartige Zauber seiner Glasmalerei liegt nicht zuletzt in der Tatsache begründet, dass von Stockhausen den Produktionsprozess vollkommen kontrolliert. Von seinem Einwirken bei der Entstehung des farbigen Glases in der Glashütte Lamberts in Waldsassen bis hin zur Binnenzeichnung, wo er u.a. mit dem Gänsekiel transparente Schraffuren aus dem Schwarzlot hervorkratzt, liegt der gesamte schöpferische Akt in seiner Hand.

Die Ausstellung im Deutschen Glasmalerei-Museum Linnich wurde realisiert in Zusammenarbeit mit Ada von Stockhausen-Isensee, dem Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, dem Hällisch-Fränkischen Museum in Schwäbisch Hall, Dr. Barbara Giesecke und Dr. Gerhard Lenz.

Plakat der Ausstellung